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Clivia, 1998/2002 | Gips, Styropor und Holz | 210 x 270 x 34,5 cm Clivia, 1998/2002
Gips, Styropor und Holz
210 x 270 x 34,5 cm Ausstellungsansicht UDO KOCH (2002) Ausstellungsansicht UDO KOCH (2002)
UDO KOCH

13. November 2002 – 18. Januar 2003
 
Wiederholung, Spiegelung, Regelhaftigkeit - scheinbar rein formal und mathematisch begründete Konstanten - dienen im Werk von Udo Koch als Ausgangslage und Prozess einer Raumentwicklung, die vielschichtige Ausformulierungen erfährt. Seine Arbeiten oszillieren an der Grenze von Linie und Fläche, von Positiv und Negativ, von einem Raum, der weder 2- noch 3-dimensional zu sein scheint. Seine Zeichnungen, die von einfachen, in der Alltagswelt bereits gegebenen Motiven (wie z.B. Blumen) ausgehen, erhalten vor allem durch das Verfahren der Spiegelung Volumen und bewegen sich dadurch im Zwischenbereich vom minimalsten Zeichen zum endlosen Raum, dem zwar eine Logik inhärent ist, der Nachvollzug dieser Logik ist für unsere Wahrnehmung jedoch erschwert.
 
Raum 1
Dass Grenzbereiche oft den Ort darstellen, in dem die sinnliche Wahrnehmung des Menschen ihre grösste Bedeutung erhält, thematisiert Udo Koch in den Collagen im ersten Raum der Ausstellung. Aus deutschen Modeheften hat der Künstler die Kontur desjenigen Sinnesorganes ausgesucht und ausgeschnitten, das den Menschen einerseits mit seinem Umfeld verbindet, zugleich aber auch trennt: Die Haut. Die ausgeweitete Anordnung der Silhouetten der Models auf eine Kreislinie stellt zugleich die Reduktion auf eine minimale geometrische Form dar. Diese kann auch als Zelle und somit als kleinster Bestandteil des menschlichen Körpers verstanden werden. Gleichzeitig erfährt die Hautoberfläche eine räumliche Erweiterung, so dass sie mit ihrem grösseren Volumen der Wahrnehmung mehr Angriffsfläche bietet. Damit erhält der Durchmesser des Kreises eine besondere Bedeutung, da er in der Linearität des Kreises die Bedeutung der Haut als Fläche und als Körper visualisiert.
 
 
 
  
 
Raum 2
Das Bodenobjekt Clivia (1998-2002) und die fast wandfüllende Zeichnung Kuckucks-Lichtnelke (2001) lassen einen Dialog erahnen, ohne dass dieser gleich greifbar wird. Die Zeichnung stellt bezeichnenderweise den Ausgangpunkt im Arbeitsprozess von Udo Koch dar. Die Clivia scheint – gerade durch die gipserne Oberfläche – ein Abguss eines Objektes zu sein. Udo Koch ging zwar vom Motiv einer Blume aus, aber das Objekt ist ausschliesslich auf der Basis von Zeichnungen entstanden.
Die Entwicklung des eigentlich 2-dimensionalen Mediums zu einem 3-dimensionalen Raum ist auch in der Kuckucks-Lichtnelke erkennbar: Die Spiegelachsen bewirken stets eine Schmälerung der gespiegelten Leerräume, so dass die Flächen am äusseren Rand zunehmend zu eng verflochtenen Linien tendieren. Dadurch entwickelt sich das Dargestellte von einem vorerst 2-dimensionalen zu einem räumlich unendlichen Organismus. Beide Werke spielen mit dem Negativ-Positiv-Verhältnis und ermöglichen gerade dadurch die mehrschichtige Raumwahrnehmung innerhalb des Werks.
 
Raum 3
Für die Kuckucks-Lichtnelke (2002 / Pigmenttinte auf Transparentpapier) hat Udo Koch einen Auszug des Blütenmotivs aus einer früheren grossen farbigen Zeichnung ins Schwarz-Weisse übertragen und ihr mit dem Spiegelungsverfahren und der sich damit entwickelnden Dichte eine Genealogie gegeben. Was man in vielen seiner Werke erahnt scheint hier seinen deutlichsten Ausdruck zu bekommen: Die Spiegelung über drei Achsen verändert die Strukturen von gegebenen, scheinbar einfachen Motiven, lässt sie unerwartete Bewegungen und Prozesse in der Fläche und im Bildraum vollziehen. Entwicklung und Produkt eines scheinbar präzisen Regelwerkes sind nicht vorhersehbar und handeln entgegen jeder Stagnation innerhalb des Bildes. Die linienhaft-verwickelte Struktur der einzelnen Nelkenform und die explizite Erwähnung der Erbfolge im Bild mag auch an die DNS-Stränge erinnern, deren Decodierung Generationen unserer Gesellschaft beschäftigt und die dennoch immer neue Räume des Unerwarteten und Ungekannten eröffnen.
Auch bei den farbigen Bildern ist Kochs Arbeitsprozess an das Raumphänomen in der zweidimensionalen Malerei geknüpft. Wo in der Regel ein kleinerer Entwurf einem grossen Werk vorausgeht, hat Koch den grossen Einfachen Goldlack (2000 / 150 x 200 cm) als Ausgangspunkt für den kleinen (2002 /124 x 88 cm) genommen, indem er ersteren fotografierte, eine Farbkopie davon herstellte und von da aus weitergearbeitet hat. Durch dieses Verkleinern des Grossen zugunsten der Ausweitung verweist der Künstler auf das Unberechenbare und Endlose innerhalb eines logischen Regelwerks von Mikro- und Makrokosmos, an dessen Grenzen wir immer wieder geraten. (Fiona Siegenthaler)