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Ausstellungsansicht ZILLA LEUTENEGGER (2003) | Forget the Day, 2003 | Wandmalerei mit Videoprojektion Ausstellungsansicht ZILLA LEUTENEGGER (2003)
Forget the Day, 2003
Wandmalerei mit Videoprojektion Leutenegger, Zilla | Ausstellungsansicht ZILLA LEUTENEGGER (2003) ||   Forget the Day, 2003  |  Zeichnungen  | Bleistift auf Papier |  je 21 x 29,5 cm / 29,5 x 42 cm  ||  Nostigels, 2003 |   Videozeichnung  | DVD, s/w, Ton, 4' Leutenegger, Zilla
Ausstellungsansicht ZILLA LEUTENEGGER (2003)

Forget the Day, 2003
Zeichnungen
Bleistift auf Papier
je 21 x 29,5 cm / 29,5 x 42 cm

Nostigels, 2003
Videozeichnung
DVD, s/w, Ton, 4'
ZILLA LEUTENEGGER

29. August 2003 – 8. November 2003
 
Zilla Leutenegger bevölkert die drei Ausstellungsräume der Galerie STAMPA mit Menschen. Menschen sind gefilmt und an die Wand projiziert, sie sind mit einer einfachen, zarten, manchmal nahezu minimalistischen Linie auf Papier gezeichnet, und man trifft sie auch als Fotografie mit portraithaftem Charakter an. Sie sitzen, liegen, stehen, laufen – sie verdichten mit einer Leichtigkeit Situationen, die so alltäglich sind, dass es fast erstaunt, sie dargestellt zu sehen. Bei all der Vielfalt haben die Figuren von Zilla Leutenegger jedoch eines gemeinsam: Sie sind allein. Sie sind in einem flüchtigen Augenblick ihres Lebens festgehalten, in dem das Alleinsein nicht nur allein sein bedeutet, sondern einen ganzen Komplex von Bewusstseinszuständen mit sich bringt – scheinbar ganz nebenbei und ungesucht. Wann ist man allein, wann einsam? Ab welchem Moment schlägt die Pflege der Erinnerungen und der Sehnsüchte in Melancholie und Schmerz um? Wann ist Alleinsein beengend, wann Einsamkeit befreiend? Gibt es eine Sprache für das Sich-Selber-Ausgesetzt-Sein, oder ist das eine stumme, autistische Auseinandersetzung?
Nostigels (2003) in Raum 1 geht dieser Frage nach. Eine Frau scheint in einer vollständig inexistenten Sprache, einer Traumsprache, zu denken.
 
In wenigen Arbeiten von Zilla Leutenegger wenden uns die Menschen den Rücken zu – hier erfährt dieses Abwenden, diese Isolation eine Eindringlichkeit, die Unbehagen auslösen kann. Nicht zuletzt wird das durch das rhythmische, ununterbrochene Wippen des Fusses verstärkt. Ist sie freiwillig in dieser Ecke? Was spricht sie für sich? Will sie sich in diese Ecke zurückziehen oder wurde sie dort eingeschlossen? Merkt sie, dass wir ihr über die Schulter schauen? Wenn ja, ist ihr das egal, oder schmollt sie? Ist sie in ihrem Autismus einsam? Oder nur allein? Nostigels verdichtet das Netz vielfältiger Gedanken und Emotionen, die in anderen Werken von Leutenegger eine leichtere, auch verspieltere Sprache erfahren.
 
In der Videoinstallation Forget the Day (2003) ist das Mädchen ganz damit beschäftigt, die Brücke zu heben und zu senken; langsam und meditativ. Ihre Haltung, die Unbedarftheit ihrer Handlung und das verspielte Einsinken und Auftauchen aus dem Blau vermitteln auch hier das Gefühl, dass sie verträumt mit sich selber beschäftigt ist – ein möglicher Voyeurismus des Betrachters löst sich dadurch in Luft auf.
Ein ähnliches technisches Verfahren wie in Nostigels verwendet Leutenegger auch für Mary Quant (2003) in Raum 1: Unbeweglich wie ein Fahnenmast sitzt die Erfinderin des Minijupes da. Das einzig bewegte ist das schmale Stoffband, versehen mit dem bunten Design des legendären Kleidungsstücks. Das Oszillieren zwischen Bewegung und Statik ist eine wichtige, sehr sublime Eigenschaft vieler Arbeiten der Künstlerin. Sie gibt Impulse und eröffnet Räume für Gedanken und Emotionen und belässt ihnen gerade dadurch eine Leichtigkeit und einen unbestimmten Weg, der wohl demjenigen dieser sich selber ausgesetzten Figuren entspricht.
 
Auch in Gibellina (2003) in Raum 3 ist diese Qualität fühlbar, obwohl die historische Grundlage von Schock, Not und Todesangst spricht. Gibellina ist ein sizilianisches Dorf, das 1968 völlig überraschend von einem katastrophalen Erdbeben vollständig zerstört wurde. Alberto Burri erhielt später den Auftrag, eine Gedenkstätte zu schaffen. Indem er den gesamten Grundriss des Dorfes mit ca. 1.60m hohen Betonmauern rekonstruierte, schuf er ein Werk, das sowohl das Leben als auch den plötzlichen Tod in diesem Dorf visualisierte. Zwischen dieser Betonarchitektur nun rennt Zilla die Strässchen des Dorfes ab. Wie in einem Labyrinth sucht sie ihren Weg zwischen den kalten Mauern, die einerseits einen Ausweg versprechen, zugleich aber die Laufende gefangen halten. Diese Realität müssen auch die Einwohner des Dorfes bei ihrem hoffnungslosen Fluchtversuch erfahren haben. Die Künstlerin verdoppelt und reflektiert diese Erfahrung, indem sie auf einem Betonsockel, der dieselbe Höhe aufweist wie die dortigen Mauern, den Videofilm in modifizierter Weise doppelt projiziert. Während sich die linke Projektion auf die Filmsequenzen konzentriert, zeigt die rechte Projektion immer wieder Filmabschnitte, die mit der Ästhetik von Computergames überlegt sind: Perspektivenwechsel, flache Vogelschau, Verwischung der Materialtextur aufgrund des Tempos, das die Kamera zurücklegt. Nur kämpft hier Zilla nicht gegen Feinde, die in irgendwelchen Ecken auf sie lauern und deren Kennzeichen ihr bekannt sind, vielmehr muss sie sich durch einen verwirrlichen Raum der Leere und der formalen Klarheit schlagen, durch eine Sphäre, in der das Bedrohliche – aber auch beglückende Kräfte wie das (Versteck-) Spiel und die körperliche Befreiung im Laufen - unsichtbar und ihr selber inhärent sind. Musik aus Soazza (Südgraubünden) sowie Filmmusik aus italienischen Filmen tragen zu dieser vielschichtigen Erlebnisweise bei. (Fiona Siegenthaler)